Cover des Buchs „Armer Hund“ von Robert Saemann-Ischenko

„Und der Hund wird nicht nur vermenschlicht und vergöttert, sondern zugleich merkantilisiert, banalisiert und instrumentalisiert, überfüttert und unterfordert, kaputtgezüchtet, zu Grunde versorgt, verkannt, verhätschelt, vernachlässigt; nicht aber: erzogen.“

Ein halbes Jahr lang hat der renommierte Tier-Journalist Robert Saemann-Ischenko im Auftrag des „Stern“ in der Hundeszene recherchiert. Entstanden ist daraus neben einem Artikel dieses Buch – eine erschreckende, aber auch amüsante Tour de force durch die Abgründe des deutschen Hundewesens. In der die Leser u.a. erfahren, warum Arved Fuchs bei Polarexpeditionen selbst laufen soll, statt den Hundeschlitten zu nehmen; dass 71 Prozent der Hundehalter dem Tier „alle ihre Probleme“ erzählen; wieso Hunde immer öfter Antidepressiva bekommen und die Universitäts-Tierklinik Gießen Silikon-Hundehoden für 400 Euro offeriert; dass es für Hunde Nasenschwärzmittel, Vorhautreiniger und Zahnpasta, Ballkleider und Lebensversicherungen gibt; in Deutschland „Erinnerungsdiamanten“ aus eingeäscherten Hunden in Mode sind, während in Österreich Hundekadaver schlichtweg zu Biodiesel verarbeitet werden.

Mit 13 Bildern des Magnum-Fotografen Martin Parr


144 Seiten, im November 2010 erschienen bei BoD.

Haben wollen? Den „Armen Hund“ gibt’s zum Beispiel hier.





Inhalt

1. Prolog

2. Die Ding-Welt I: Von Energiedrinks und Parmaschinkendrops für Hunde

Intermezzo: Fette Fiffis

3. Die Tierliebe: Warum Josies Frauchen aus dem Bett fällt und Arved Fuchs zu Fuß gehen soll

Intermezzo: Neun Hunde namens Oskar

4. Die Hundehalter: Warum Kullerauge hübsch sein muß und wozu Männer Jagdhunde brauchen

Intermezzo: Der Hund, das unbekannte Wesen

5. Die Erziehung des Hundes: Weshalb ohne Edamer nichts geht und wer Hundetrainer wirklich ausbildet

6. Esoterikers Liebling: Was Hunde der Tierdolmetscherin Dany alles erzählen

Intermezzo: Die Banalisierung des Hundes

7. Die Tierärzte: Kranker Hund, gutes Tier

Intermezzo: Antidepressiva für den Hund

8. Der körperlich kaputte Hund: Warum es kaum gesunde Chihuahuas und keine alte Doggen gibt

9. Der Trend zum Wegwerfhund: Zum Beispiel der Labrador

Intermezzo: Die Wahrheit über „Marley & Ich“

10. Die Ding-Welt II: Von Nasenschwammschwärzmitteln und 12.000-Euro-Hundebetten

11. Zwei Seiten derselben Medaille: Nicht ohne meinen Hund/bloß weg mit der Töle

12. Der seelisch kaputte Hund: Warum Tierpsychologen keine Werbung am Auto haben

Intermezzo: Das Fazit des Diensthundeführers

13. Der Hund als Ärgernis: Tucholsky hat’s gewußt

14. Der Totenkult: Der Dackel im Tank oder Retriever zu Diamanten

Intermezzo: Die Regenbogenbrücke

 


 

 

Leseprobe (aus Kapitel 5: „Die Erziehung des Hundes“)

Kommt der Welpe dann ins Haus, lautet die gängige Erwartung, dass er quasi von selbst zu einem braven Hund heranwachse, wenn man ihn nur genug liebhabe – und dass er dabei auch sozusagen ungefragt die Eigenschaften entwickle, die seiner Rasse zugeschrieben werden. Die Wahrheit: Der Hund ist anpassungsfähig, schlau und charmant, aber ein Opportunist und Egoist, der sich ausschließlich für sich und sein Wohlergehen interessiert. Und der Welpe ist nichts anderes als ein junger Hund, also ein Opportunist in Ausbildung. Wer ihm nur mit Liebe begegnet, statt ihn von Anfang an zu unterweisen, zu begrenzen und auszubilden, kann einpacken. „Viele Menschen wollen den Hund als Partner und Freund haben, und behandeln ihn deswegen auch partnerschaftlich. Damit überfordern sie ihn – der Hund kann mit der vermeintlichen Großzügigkeit nichts anfangen, der braucht ab dem ersten Tag klare Führung und liebevoll-konsequente Erziehung. Wenn er die nicht bekommt, badet das zunächst der Halter selbst aus, dann hat es die Gesellschaft mit einem lästigen Hund zu tun, und schließlich kriegt immer das Tier selbst Probleme. Die Tierheime sind voll nicht von ausgesetzten, sondern von Hunden, die ihren Besitzern über den Kopf gewachsen sind“, faßt der Hundetrainer Grewe zusammen. Sein Kollege Martin Rütter schätzt, dass „99,9 Prozent der Menschen, die bei mir landen, nicht wußten, was auf sie zukommt“.

Das Bequemste ist natürlich, so einen Welpen gewähren zu lassen – hat’s ja schwer genug, der Kleine. Darf ruhig Muttis Schuh zernagen, Vatis Finger blutig beißen, Töchtis Marmeladenbrötchen mopsen und in Sohnis Zimmer seine Stammpinkelstelle eröffnen. Den kommandiert man doch nicht rum, dem macht man höchstens Vorschläge. Wahr ist: so ein Welpe kostet brutal Nerven, Aufmerksamkeit und Zeit. Wahr ist jedoch auch: Was ich jetzt in ihn stecke, bekomme ich nachher dreifach zurück, im Guten wie im Schlechten. Bringe ich dem jungen Hund bei, dass ich für ihn sorge, dafür aber Gehorsam von ihm erwarte, wird das die Grundlage für eine lebenslange sichere Bindung sein. Lasse ich dem jungen Hund Sachen durchgehen, die er nicht dürfen sollte, oder gelten meine Ansagen nur manchmal, entsteht ein Klarheits- und damit ein Machtvakuum, das der Hund selbst zu füllen weiß; stets zu seinem Vorteil selbstverständlich – aber ohne dass er damit froh werden könnte. Wobei laut Michael Grewe „die Resozialisierung eines Hundes unmöglich ist – eine schief gelaufene Sozialisierung heißt, ich muß mit den Macken des Hundes leben und kann diese nur noch managen“. Die beiden entscheidenden Aufgaben des Welpenerziehers: zu kapieren, wie sehr es Hunde kriegt, wenn man sich über ihre Leistungen freut. Und sich in die Egoistenseele des Hundes einzufühlen. Er will schließlich gefallen; nicht, weil er seinen Besitzer so mag, sondern weil er ein angenehmes und konfliktfreies Leben hat, wenn er folgt. Genau das macht seine Erziehung erst möglich.

Den meisten Hundebesitzern setzen allerdings ausschließlich auf das Prinzip Wurst. Ohne Leckerchen geht bzw. kommt auf Deutschlands Hundewiesen nichts. „Viele Kunden erscheinen auch zur Welpenspielstunde mit einer ganzen Tüte Salami oder Edamer, weil sie denken: Wenn mein Hund eine Stunde arbeiten soll, braucht er soundsoviele Belohnungs­happen“, erzählt Sabine Ditterich aus ihrer Praxis. „Die Leute merken gar nicht, dass sie als Gegenüber für den Hund von enormer Bedeutung sind. Sie belohnen normales Verhalten und ignorieren alles andere, schmusen mit den Hunden ohne Ende, sie nehmen sie enorm wichtig – aber behüten, begrenzen und führen sie viel zu wenig. Dabei glauben viele Leute ja tatsächlich, dass ihr Hund gesprochene Sprache verstehe. Was ich erlebe, kann man oft nur noch als antiautoritäre Hundeerziehung bezeichnen.“

Diesen Eindruck bestätigt Michael Grewe: „Das läuft bei Hunden nicht anders als bei Kindern – die Menschen haben Angst, nicht mehr geliebt zu werden, wenn sie Grenzen setzen. Lesen Sie ,Warum unsere Kinder Tyrannen werden‘ von Michael Winterhoff, ersetzen Sie dabei ,Kinder‘ durch ,Hunde‘ und ,Eltern‘ durch ,Hundehalter‘, dann haben Sie eine treffende Zustandsbeschreibung.“ Zwei schöne Beispiele fallen dem Hundetrainer dazu ein: „Ich bin mit einer Kundin verabredet, die kommt mit ihrem Rottweiler auf mich zu, lächelt mich an, ich reiche ihr zur Begrüßung die Hand, und in diesem Moment beißt mich der Hund in den Oberschenkel. Daraufhin meint die Frau entschuldigend: Sehen Sie, das macht er immer so. Im zweiten Fall holt eine Dame ihren Labrador aus dem Auto, und sobald sie ihn angeleint hat, zieht der sie herum, dass sie sich festhalten muß. Mir hat sie über die Schulter gerade noch zurufen können: ,Aber die Begleithunde-Prüfung haben wir gemacht!‘ Das soll heißen: Eigentlich ist der Hund ganz gut erzogen. Ist er natürlich nicht.“

Es drängt sich die Frage auf, warum die Leute überhaupt zur Hundeschule gehen. Die Antworten der befragten Trainer lassen sich so zusammenfassen: Es gibt einige ernsthaft Interessierte. Die überwiegende Mehrheit aber besucht aus an-deren Gründen eine Hundeschule, nämlich weil a) das irgendwie dazugehört, wenn man sich einen Hund holt; b) man dort wunderbar viele Gleichgesinnte trifft, mit denen man in Ruhe ratschen kann, während die Fiffis sich selbst beschäftigen; c) man dann später nach dem erzieherischen Scheitern am Hund wenigstens sagen kann, es sei passiert, obwohl man in der Hundeschule war; d) man ja den Sohn auch zum Kinderturnen fährt und der Hund als Familienmitglied da nicht nachstehen darf; und e) man alle anderen Hundeschulen schon ausprobiert hat, aber merkwürdigerweise niemand dem Hund etwas beibringen konnte. Entsprechend geht es denn auch zu auf den zur Alibibeschaffung aufgesuchten Ausbildungsplätzen: Das Gros der Hunde folgt weder vor und nach noch bei den Übungen, weil das Gros ihrer Menschen Gehorsam für Glücksache hält oder sicherheitshalber gar nicht erst verlangt.

Wobei es wahrlich eine Menge miserable Hundeschulen gibt. Das mögen folgende Erlebnisse verdeutlichen, alle aus einer sogar im Auftrag eines Jagdvereins agierenden Hundeschule in Nürnbergs Süden: Die Halter werden dazu aufgerufen, ihre Junghunde aus einer Spielgruppe abzurufen und ihnen jedesmal ein Leckerli zu geben, wenn sie folgen (was etwa so sinnig ist, wie sie fürs Atmen zu belohnen – so braucht man tatsächlich die oben erwähnte Wurststück-Tüte pro Stunde); die Hunde dürfen wild miteinander spielen, ohne dass sie Halsungen und Geschirre dafür abgenommen bekommen (was schnell ein paar Zähne kosten kann); Welpen müssen anderthalb Stunden am Stück üben (was ihre Konzentrationsfähigkeit bei weitem übersteigt); Welpen sollen mit angehängter Leine loslaufen (was allen Theorien zur Leinenführigkeit widerspricht); binnen eines Vierteljahres sind fünf verschiedene Trainer für dieselben Hunde zuständig, von denen nicht einer sich vorstellt, seine Funktion beschreibt oder auch nur das Tagesprogramm nennt. Darauf angesprochen, antwortet der Haupttrainer: „Na und? Ihr seid ja auch immer verschiedene Hundebesitzer!“ Ach ja, und dann war da noch die Frau, die mit ihrem Welpen zu spät kommt. Ihre ernsthaft vorgetragene Begründung: „Der Hund hat verschlafen, ich wollte ihn nicht wecken.“ Reaktion der Trainer: keine.

Ein paar tausend Hundeschulen gibt es in Deutschland; genau Zahlen liegen nicht vor. Was unter anderem daran liegt, dass die Szene komplett zerstritten ist und von Amateuren dominiert wird (laut einer tierarztlichen Doktorarbeit werden 55 Prozent aller Hundeschulen nebenerwerblich geführt). Dazu kommt, dass es keine vereinheitlichte, überprüfbare Ausbildung zum Hundetrainer gibt – nicht einmal die Berufsbezeichnung ist geschützt oder an Mindestqualifikationen gebunden. Kurzum: Hundetrainer darf sich jeder nennen, dafür muß man nicht mal einen Hovawart von einem Hot-dog unterscheiden können. „Einigen guten Trainern stehen entsprechend viele gegenüber, denen es nur um Geld und Geltungsbedürfnis geht. Viele kennen den angeblich einzig wahren Weg, Hunde zu erziehen, andere stehen dem Hund viel zu nah“, lautet Dr. Feddersen-Petersens Fazit.

So hören sich die Heilsversprechen der Trainer denn auch an:

• „T.T.E.A.M.® ist eine sanfte Methode, bei der – ganz stressfrei – den Tieren mehr Selbstsicherheit und Körperbewusstsein vermittelt wird. Auf diese Art und Weise kann unerwünschtes Verhalten wie Aggression, Bellen, Nagen, übermäßige Ängstlichkeit, Ziehen an der Leine, Anspringen Fremder und sonstige Gewohnheiten gelindert oder abgestellt werden.“

• „Die Grundlage der DogSense® Philosophie basiert auf der objektiven Wahrnehmung der Gefühle des Hundes und des Menschen, der Kommunikation, der Beobachtung von ursprünglichen Lebensstrukturen und dem wichtigen Bedürfnis nach Bindung des Hundes. Die Auffassungsgabe, die Wahrnehmungsfähigkeit, die Intelligenz und das Konzentrationsvermögen werden deutlich gesteigert und das Selbstbewusstsein und die innere Ausgeglichenheit werden wesentlich gestärkt.“

• „Unsere professionelle Methodik der ANIMAgogik® stützt sich auf das Verbindende zwischen Mensch und Hund. Unsere Hunde sind Ihre Lehrmeister.“