Die Bambi-Lüge (aus dem „SZ-Magazin“)

Waren Sie auch so gerührt von der Geschichte des berühmtesten Rehs der Welt? Zeit, dass Sie der Wahrheit ins Auge blicken

Artikel in der Süddeutschen Zeitung: Die Bambi-LügeStellen Sie sich vor, Sie wären im Fernsehen, Hunderttausend-Euro-Frage, Saalpublikum, die ganz große Nummer. Nur noch eine richtige Antwort, dann gehört der Jackpot Ihnen! Los geht’s: „Wie, bitte schön, heißt der Mann vom Reh?“ Sie lächeln. Ein kurzer Blick zum Moderator, ein gönnerhaftes Nicken Richtung Jury. Und nach einer Kunstpause, in der Sie überlegen, ob der Porsche schwarz sein soll oder doch lieber rot, posaunt es aus Ihnen heraus: „Hirsch! Natürlich Hirsch!“

Das war’s. Vergeigt. Kein Porsche, nur am nächsten Morgen das Graffito „Selber Hirsch!“ auf Ihrem Garagentor. Kleiner Trost: Vermutlich hätte sich sogar Ihr alter Biolehrer blamiert. Denn das gilt als ausgemachte Sache: Rehe sind die Weibchen, Hirsche die Männchen dazu, und wird der junge Rehbock erwachsen, heißt er wie Vati Rothirsch und heiratet ein Reh. Schade nur, dass dies so falsch ist wie die Behauptung, aus Amseleiern schlüpften Auerhähne. Rehwild ist nicht viel höher als ein Königspudel und lebt einzelgängerisch, das fast pferdegroße Rotwild hingegen in Rudeln. Ein Rothirsch wiegt bis zu 250 Kilogramm, soviel wie zwölf stramme Böcke zusammen – die beiden passen einfach nicht zusammen. Selbst mit Elchen sind Rehe näher verwandt als mit Rotwild.

Mit solchen Argumenten kann man allerdings nicht mal im Kindergarten punkten. Für die Tierlegende gibt es nämlich einen unschlagbaren Kronzeugen: Bambi. Haben wir ja schließlich alle in Disneys Film gesehen, dass ein Hirschpapa der Rehmama ein Bambi-Böckchen macht, dieses zum Hirsch heranwächst und sich wiederum ein Rehlein anlacht. Hinter der Mär steht eine verwegene biologische Karriere: Bambi kommt 1923 als österreichischer Rehbock zur Welt, verwandelt sich 1942 in ein nordamerikanisches Weißwedelhirschkalb und wird in Deutschland schließlich als zum Hirsch reifender Wunderbock wiedergeboren.

„Wenn der Morgen anbrach und wenn die Sonne unterging, klang der ganze Wald von tausend Stimmen, und vom Morgen bis zum Abend sangen die Bienen, summten die Wespen, brausten die Hummeln durch die duftende Stille. Das waren die Tage, in denen Bambi seine erste Kindheit verbrachte.“ Ganz harmlos beginnt Felix Saltens Novelle „Bambi“ von 1923. Doch schon drei Seiten später geht’s zur Sache: „Ein fadendünnes Stimmchen pfiff erbärmlich auf“ – der Iltis macht einer Maus den Garaus. Und eifrig wird weitergestorben: Krähen töten einen Hasen „auf grausamste Weise“; dem vom Marder gepackten Eichhörnchen fließt „das rote Blut über die weiße Brust“.

Doch die Grausamkeiten der Natur sind ein Pappenstiel gegen die Metzeleien, die ein ehrfürchtig „Er“ genannter Halbgott über die Tiere bringt: Als Bambi zum ersten Mal mit einem erwachsenen Bock spricht, fällt der Sekunden später einer Kugel zum Opfer. Die Jäger nehmen alles aufs Korn, was sich im Wald regt, unter anderem Bambi, seine Mutter, etliche Tanten und Onkels. Am Ende seines Buches führt Salten einen tierischen Gottesbeweis: Bambis ergrauter Vater zeigt seinem Sohn einen erschossenen Wilderer, damit er das Geheimnis erfahre – der Mensch ist nicht der große Weltenlenker, sondern selbst nur ein sterbliches Tier.

Ein Meisterwerk der jagdfeindlichen Literatur – dessen Verfasser es genießt, mit Habsburgischen Adligen regelmäßig dem Waidwerk nachzugehen und sie in sein eigenes Revier einzuladen. Auch sonst hat es Felix Salten, 1869 in Budapest als Siegmund Salzmann geboren, faustdick hinter den Ohren. Er beweist mit Heldenschmonzetten wie „Kaiser Max, der letzte Ritter“ seine patriotische Gesinnung und zeigt schon früh einen Hang zu detaillierten Naturbeschreibungen – mit dem 1906 anonym veröffentlichen Pornografie-Klassiker „Josefine Mutzenbacher. Die Lebensgeschichte einer Wiener Dirne, von ihr selbst erzählt“.

Der Bestseller „Bambi“ jedoch wendet sich gegen seinen Schöpfer: Salten bringt bei Verlagen nur noch Tiergeschichten unter. Er schiebt „Bambis Kinder“ nach, „Die Jugend des Eichhörnchens Perri“ und „Djibi, das Kätzchen“; Kindermärchen, die nichts mehr gemein haben mit Bambis düsterer Welt. So wäre aus Bambi kein Mythos geworden, sondern ein vergessener Rehbock, wenn nicht die Walt-Disney-Filmstudios 1936 die Rechte von Salten gekauft hätten. Disney zahlt 5000 Dollar für die Novelle „Bambi“, denen mittlerweile mehr als zwei Milliarden Einnahmen gegenüberstehen; doch zunächst beschert das neue Reh im Stall dem aufstrebenden Trickfilmer nur Verdruß.

Der Film „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ kommt 1937 auf die Leinwand, noch im selben Jahr nimmt Disney „Bambi“ in Angriff. Ins Kino bringt er die Verfilmung jedoch erst 1942 – zu schwierig ist die zeichnerische Umsetzung sprechender Tiere, zu sperrig Saltens Gleichnis von Gott und Tod. Disney hobelt Span um Span ab, bis die Geschichte in sein übersichtliches Weltbild paßt: Tiere sind rein und unschuldig, heimtückisch ist der Mensch. Das stand für den Zeichner seit einem Erlebnis auf der Farm seiner Eltern in Kansas fest: Der etwa siebenjährige Walt beobachtete und skizzierte die dort reichlich vorhandenen Wildkaninchen, sein älterer Bruder Roy verwandelte einen der possierlichen Gesellen mit Hilfe seines Luftgewehrs in ein Abendessen.

Nach fünf Jahren auf Disneys Kitschwerkbank ist „Bambi“ zum bekannt schlichten Schema abgeschliffen: Tiere hopsen fröhlich durch Wald und Flur, während Menschen nichts Besseres zu tun haben, als sie mit Schießgewehr und Feuersbrunst ins Jenseits zu befördern. Weil das Identifikationsobjekt Bambi selbstverständlich Amerikaner sein muß, ersetzen die Zeichner Rehe, die es in den USA nicht gibt, durch die dort heimischen Weißwedelhirsche. Auch sonst frisiert Disney die wildbiologisch nahezu fehlerfreie Vorlage nach Belieben: Seine Hirsche geraten schon im Frühjahr in die Brunft – richtig wäre der Herbst. Auch die Väter kümmern sich um den Nachwuchs – was einem echten Hirsch nicht im Traum einfiele. Und gründen Walt Disneys Hirsche eine ordentliche Kleinfamilie, bleiben sie einander ein Leben lang treu – tatsächlich treffen die Geschlechter nur wenige Tage im Jahr zusammen. Weder Hagel noch Hunger machen den Waldbewohnern im Film zu schaffen; Raubtiere sind abgeschafft, selbst die Vögel verputzen ausschließlich Beeren. Kurzum: Vermenschlichte Viecher zeigen, dass Tiere die besseren Menschen sind.

Das zieht. Als Bambi ins Kino tänzelt, sind Publikum und Kritiker hingerissen: Noch nie hat man Tiere sich so anmutig bewegen sehen und Blätter so schwerelos fallen. Und selten so geheult wie in dem Moment, als eine Kugel Bambis Mutter dahinrafft. Eine der großen Kinotragödien und ein klassischer Filmmord, der alles über das Waidwerk als Brutalo-Gewerbe sagt. Prompt klagt die Zeitschrift „Outdoor Life“ im Namen von 15 Millionen US-Jägern, „Bambi“ zeige die Jäger bei niederträchtigen Praktiken: „Ein Muttertier töten, Hirsche mit Hunden hetzen und im Frühjahr schießen, den Wald anzünden, um das Wild aufzuscheuchen“. Disney kontert, sein Film könne die amerikanischen Jäger gar nicht verleumden, weil Saltens Geschichte schließlich von deutschen Jägern handle. Ein kugelsicheres Argument: Hitler hatte den USA vor einem Jahr den Krieg erklärt, der nebenberufliche Reichjägermeister Hermann Göring ist der Inbegriff das häßlichen Deutschen. Da stört es auch nicht weiter, dass für „Bambi“ ausschließlich US-Personal rekrutiert wurde: Waschbären, Grauhörnchen, Stinktiere.

Eins immerhin stimmt an Disneys Bambi: Eine Hirschkuh bringt ein Hirschkalb zur Welt, das zum Hirsch wird. Leider gilt das nur für die Originalfassung. Für die deutsche Version schwingt das Synchronstudio mal eben seinen Zauberstab – und plötzlich bekommt das Reh die Mutterrolle, wächst das Bockkitz Bambi zum Hirsch heran. Seitdem gilt: Jäger sind Bambi-Mörder, und der Mann vom Reh heißt Hirsch. Was sich auch kaum noch ändern wird: Laut einer Umfrage weiß nicht mal jeder zweite deutsche Schüler, in welcher Farbe Raps blüht – wie sollen sich die Kinder dann an Disneys Tierverwandlung stören? Rehe kennen die meisten bloß von den Feldern neben der Autobahn, Hirsche höchstens als Braten mit Rotkohl – Bambi hat gewonnen.

Und die Moral? Sollten Sie es noch einmal in die Endrunde schaffen, passen Sie bloß auf, wenn die Hunderttausend-Euro-Frage lautet: „Was für ein Tier ist Bambis Freund Klopfer?“ Nein, langsam, sagen Sie es nicht! Klopfer ist nämlich ein falscher Hase – wer mit fünf Geschwistern in einer Höhle lebt, kann nur ein Kaninchen sein.