Fette Beute im Rein-raus-Teich (aus „Focus“)

Ruhe, Konzentration und Naturkenntnis zeichnen gute Angler aus. Es geht aber auch anderes: Massenfischhaltung garantiert den schnellen Fangerfolg

 

 

Was ist so faszinierend am Fischen? Henning Stilke, Chefredakteur der Anglerzeitschrift „Blinker“, beantwortet diese Frage so: „In eine ursprüngliche Welt ohne Versicherungsverträge, Maklergebühren und Radarfallen abtauchen zu können“. Schön gesagt – man sieht sie gleich, den malerischen Wiesenbach und den an ihm entlangpirschenden Mann.

In Wirklichkeit indes verzeichnet eine Angelart enorme Zuwächse, die mit diesem Idyll nichts gemeinsam hat: das Forellenfischen in „Put&take“-Gewässern. Das sind Bezahlseen, die von den Betreibern eigens mit Fischen besetzt werden (put) damit Angler sie wieder herausfangen können (take). Üblich ist unter Anglern für solche Etablissements der Begriff „Forellenpuff“, was die Sache auf den Punkt bringt.

Denn auch am Put&take-See geht es nach dem Motto „Petri geil“ nur um Triebabfuhr, ohne Liebe und Leidenschaft. Im Forellenpuff können Angler die schnelle, unverbindliche Fangnummer schieben – sie müssen sich nicht um Besatz oder Wasserqualität kümmern, kaum einen Meter zu Fuß gehen, sich weder vorsichtig bewegen noch das Gewässer lesen können. Eine aufs Beutemachen reduzierte und zum Geschäft degradierte Pseudofischerei.

„Der Trend geht schon länger zur Fischerei an Put&take-Gewässern, aber in den letzten Jahren hat sie einen regelrechten Boom erlebt“, sagt „Blinker“-Chefredakteur Stilke. Seine Zeitschrift stellt unter der Rubrik „Praxis Forellensee“ regelmäßig Gewässer vor. Das liest sich so: „Paradiesisch fangen: Wer es auf Großfische abgesehen hat, befindet sich an den Teichen des Anglerparadieses Alpetal im Anglerhimmel.“ Anglerparadies, Anglerhimmel, Anglerglück – so werden solche Anlagen gern genannt. Offenbar empfinden Forellenseeangler insbesondere Bequemlichkeit als glücksfördernd. Denn die meisten Anlagen bestehen aus einem bis vier rechteckigen Weihern von selten mehr als 50 Metern Kantenlänge, an denen kein Baum stört stören, mit von Brettern begrenzten Ufern. Die Wege laufen direkt am Wasser, Angelstellen sind mit Schildern markiert. Im Winter hält der Betreiber das Wasser offen und damit fischbar, im Sommer sorgen Sauerstoffpumpen dafür, dass die Fische nicht kollabieren. Bei Bedarf erhellen Laternen die Anlage; wenn es regnet, können Besucher von Unterständen aus weiterfischen.

Als vorbildlich geführt gilt in der Szene die Angelanlage Millerscheid im Bergischen Land. Hier kostet ein Fischtag zwischen 20 und 30 Euro, dafür verspricht der Betreiber auch „täglichen Besatz“ für die vier Teiche, die allesamt so strukturreich wie eine Badewanne sind und nur in einem Fall deutlich größer. Hier ist zwar „das Mitbringen von Jägermeister“ verboten“, aber gefangen wird trotzdem. Auf einem Foto vom Rekordfang sind „232 Forellen, 6 Lachsforellen, 1 Stör und 2 erschöpfte Angler“ zu sehen.

„Das mit den Forellenteichen ist im Grunde ein Trend ohne Abwärtsbewegung“, sagt Thomas Rameil, Vorsitzender des Verbandes nordrhein-westfälischer Fischzüchter und Teichwirte sowie Fischzüchter  und Inhaber der Anlage Sauerländer Angelglück. „Bei uns gibt es viele Angler, die nicht in den Verein eintreten oder sich an natürlichen Gewässern mit dem Kormoran herumplagen wollen, sondern einfach richtig fangen wollen. Die kommen dann zu uns. Oft pachten sich auch ganze Angelvereine einen Teich, lassen den besetzen und machen sich eine schöne Zeit. Von den in Deutschland jährlich produzierten 18.000 Tonnen Forellen gehen bestimmt 20 Prozent an Put&take-Anlagen.“

Über 700 deutsche Forellenseen listet eine Liebhaber-Website auf, 180 allein für Nordrhein-Westfalen. Der neueste Trend: besonders schwere Forellen (Züchterjargon: „Teichschweine“) und Großfische wie Waller und Störe. So bewirbt beispielsweise die „Barweiler Mühle“ das „Monsterfischen auf Deutschlands größte Fische“ an ihren Teichen mit den Verheißungen: „Drill Dir mit unseren Riesen ein Lächeln ins Gesicht! – Störe  80 Kilo –  Welse bis 85 Kilo – Forellen bis 18 Kilo“.

Eine Trennung zwischen Journalismus, Werbung und Marketing ist in der Forellenseebranche nicht erkennbar, im Gegenteil puscht eine bestens vernetzte Gruppe von Anglern und Schreibern, Gewässerbetreibern und Geräteherstellern seit Jahren das Angeln in Put&take-Seen, insbesondere auf Großfische. Eine zentrale Figur dabei: Michael Kahlstadt. Der Journalist bedient einerseits die Fachpresse vom „Blinker“ bis zur „Angelwoche“ mit Artikeln übers Fischen an kommerziellen Gewässern; zum anderen dient er dem Angelgerätehersteller Exori als Aushängeschild. Bei Exori wirbt er für seine Artikel und Bücher, in denen für Exori. Allein in seinem Buch „Angeln am Forellensee“ erwähnt und zeigt Kahlstadt auf 192 Seiten 106mal Exori-Produkte.

„Umsätze kann ich natürlich nicht nennen, aber soviel sagen: das Geschäft mit speziellem Forellenseegerät läuft“, meldet Exori-Produktmanager Holger Spreen. „Exori hat allein fürs Forellenseefischen etwa 300 Artikel, dazu als einziger Hersteller ein hochgradig diversifiziertes Stör-Programm. Wir sind ständig am Wasser unterwegs, um Ausrüstung und neue Methoden zu testen. Dadurch wissen wir genau, was Angelparkbesucher brauchen – einer der Gründe, weshalb wir Marktführer sind.“  Mindestens 300 bis 400 Euro kostet eine Ausstattung; richtig Geld schon der Teig, den die meisten Forellenseefischer als Köder verwenden.

Führend: „Trout Bait“-Teig vom Hersteller Berkley, zu haben in 100 Geschmacksrichtungen von „Marshmallow“ über „Knoblauch“ bis zu „Black Pearl Glitter“. Ein 50-Gramm-Gläschen Teig kostet im Schnitt 3,99 Euro (Kilopreis: 79,80 Euro). „Seit Mitte der Neunziger Jahre sind unsere Teige das Maß der Dinge in der Forellensee-Fischerei. Bei um die 800.000 verkauften Gläsern pro Jahr dürften wir einen Marktanteil von etwa 95 Prozent im deutschsprachigem Raum halten“, sagt Berkley-Geschäftsführer Michael Stahlberg. Macht einen Jahresumsatz von über drei Millionen Euro. Mit Teig für Teichforellen.

Denn schließlich geht nicht um schöne, starke, scheue Wildtiere, sondern um mehr oder weniger ausgefranste, völlig untrainierte, nur noch über Instinktreste verfügende Zuchtfische. Die nicht fliehen, wenn ein Schatten auf sie fällt oder sich jemand schweren Schrittes nähert. Die fressen, was die Angler ihnen anbieten, früher oder später, weil sie sonst verhungern. Die meist erst am Abend vor dem Fischen in den Angelsee gesetzt werden – und zu über 90 Prozent keine 24 Stunden dort überleben.

Heimische Bachforellen werden sowieso kaum besetzt, fast immer kommt die Regenbogenforelle zum Einsatz, weil sie schneller wächst und höhere Temperaturen übersteht; ein entscheidendes Kriterium in den oft flachen, also schnell aufgewärmten Bezahlweihern. Dazu kommen die gerade schwer angesagten Großfische wie Waller und Störe sowie zunehmend Exoten wie der Afrikawels; alle drei praktischerweise noch unempfindlicher gegenüber warmem Wasser.

Und gegenüber dem wiederholten Aus-dem-Wasser-gezerrt-werden. Denn an den Großfischen-Seen ist es durchaus üblich, dass die Beute nach dem Fang und dem obligatorischen Foto zurückgesetzt wird: Dieses „Catch & release“ ist zwar verboten, aber das kümmert keinen. Überhaupt nehmen es die Bezahlsee-Betreiber mit dem Gesetz nicht genau. In den meisten Bundesländern ist auch  fürs Angeln an ihnen der Staatliche Fischereischein vorgeschrieben – den nur bekommt, wer die Fischereiprüfung abgelegt hat, also weiß, wie man einen Fisch sachgerecht fängt und keschert, betäubt und tötet.

In der Praxis kontrollieren die wenigsten Forellensee-Betreiber die Papiere ihrer Kunden – entsprechend roh ist der Umgang mit der Beute: Oft werden Forellen stundenlang in Drahtsetzkeschern gehältert oder nach dem Fang nicht getötet, sondern einfach zur Seite gelegt, so dass sie qualvoll ersticken. Zitat Achim Stahl, Angelladeninhaber und Moderator eines Anglerforums: „Leider gibt es auch unter uns Anglern Leute, die sich nicht zu benehmen wissen. Üblicherweise treffe ich diese Personen an den verschiedenen Forellenpuffs. Vielleicht ist die Einstellung ,Ich habe für meine Fische bezahlt, jetzt muß ich auch so viel wie möglich raushauen, egal wie‘ oder ,Das sind eh keine richtigen Fische‘ oder ,Wenn ich schon im Puff bin, kann ich mich auch richtig ausferkeln‘. Nirgendwo habe ich mehr Leute gesehen, die Fische reißen, mit lebenden Köderfischen angeln, Angelkollegen anpöbeln, rumlärmen und alles zumüllen.“

Sogar die seit langem in Deutschland absolut verbotenen Wettangelei findet an Forellenseen wieder statt. Die „Trout-Fishing-Tackle & Event-Marketing GbR“ wirbt auf Ihrer Seite www.teamtft.de ganz offen für die sogenannte Trout Serie A. Das soll eine „Promotionveranstaltung“ an verschiedenen Forellenseen sein, ist tatsächlich aber eine Reihe von Wettfisch-Veranstaltungen. Wir erfahren, dass zum Beispiel bei der Veranstaltung vom 8. Mai 2011 im „Stausee Obersteinebach““ 58 Teilnehmer insgesamt 652 Forellen mit einem Gesamtgewicht von 317 Kilogramm gefangen haben.

Ist das die Zukunft des Angelns? Es ist eher so, dass diese Art des Angelns keine Zukunft hat. Wenn sogar die Katalanen den Stierkampf verbieten, wird schwer erklärbar, warum es in Ordnung sein soll, heute Fische zu fangen, die man gestern noch gefüttert hat.