Von Lachsen und Losern (aus der „Welt am Sonntag“)

Norwegen ist ein ideales Revier für Fliegenfischer.
Doch vergangenen Sommer hat unser Autor dort keinen
einzigen Lachs gefangen. Dieses Jahr ist er wieder
hingefahren, um Revanche zu fordern

1. Tag
Endlich bin ich wieder in Norwegen, am Lachsfluß, endlich schließen sich meine büroweichen Hände wieder um den Griff einer Fliegenrute. Überstanden ist das Jahr Wartezeit und ich habe eine Chance, die Scharte vom vergangenen Jahr auszuwetzen. Da ging zwei Wochen lang: nichts. 18 Stunden pro Tag habe ich gefischt, Tausende Würfe gemacht, drei Kilo abgenommen – aber nichts gefangen. Das kann beim Lachsfischen passieren, ich habe es anderen oft genug gesagt; zum Beispiel meinem Freund Christian. Der fährt seit zehn Jahren mit mir an die Orkla und hat das Lachsfischen dort auf die harte Tour gelernt, nämlich ohne Lachs – drei Jahre lang. Dagegen bin ich ein Lachskönig, denn ich habe bei jeder Tour mindestens einen gefangen, meistens die meisten und oft den größten. Bis vergangenes Jahr.
Aber nun liegen zehn Tage an der Orkla vor mir. Los geht’s! In 30 Metern trifft die Fliege aufs Wasser, wo das kleine Etwas aus Federn und Fasern sofort ein Eigenleben entwickelt und als glitzernde Provokation den Fluß quert. Das kann sich kein Lachs gefallen lassen!

2. Tag
Klar, ein Lachs am ersten Tag wäre zuviel verlangt. Der dient dazu, die Anfahrt wegzustecken und sich einzuwerfen. Sowie das Glück in sich zu lassen, wieder hier zu sein. Gestern haben wir ein besonders schönes Stück befischt, den Maerk-Beat, 50 Kilometer oberhalb der Mündung der Orkla in den Trondheim-Fjord . Hier ist das Werfen schwierig. Denn die Fliege ist ja im Wortsinn ein Fliegengewicht und nur mit Hilfe der gewichtigen Fliegenschnur hinauszubekommen. Das aber kann man an der Orkla nicht so machen wie Brad Pitt in „Aus der Mitte entspringt ein Fluß“, indem man mit der Rute die ganze Schnur nach vorn und nach hinten schwingt.
Denn an diesem Fluß hat der Angler fast überall Bäume im Rücken, also keinen Platz für die Leine. Die Lösung ist der Unterhandwurf, bei dem man die Schnur seitlich so ablegt, dass sie durch Anhaftung auf dem Wasser der vier Meter langen Rute Widerstand bietet. Dabei lädt die Rute sich wie ein Bogen auf – und schießt die Schnur beim Strecken wie einen Pfeil ab.
Christian und ich fischen die Maerk-Pools rauf und runter: Bruhølen, Larshølen, Jenshølen, Ravinen, Parris. Nur eins geht: wir, von einem Pool zum andern. Immer in Wathosen. Deren Spezialstoff ist wasserdicht, erlaubt aber dem Schweiß zu entweichen. Heißt’s in den Katalogen. Tatsächlich kommt das Wasser durch kleine Löcher hinein, der Schweiß aber nicht hinaus.

3. Tag
Theoretisch ist es Sommer. Praktisch ist das Norwegen und das Wasser hat nur fünf Grad. Heißt, die wechselwarmen Fische stehen am Grund und interessieren sich nicht die Bohne für oben vorbeiflitzenden Objekte. Die Fliege muß also hinunter, was bedeutet: schwere Schnüre. Die aber werfen sich so elegant wie Steine; hätten die Schauspieler in „Aus der Mitte entspringt ein Fluß“ sie verwenden müssen, hätte der Film nur in Gewichtheberkreisen für Aufsehen gesorgt.
Viele Angler meiden das Lachsfischen: zu wenig Lachs, zu viel Fischen, finden sie. Finde ich im Moment auch.

4. Tag
Ganz anders als im Maerk-Beat zeigt sich die Orkla unten, wo wir heute fischen: Bakka heißt der Beat, und liegt nahe der Mündung des Flusses noch im Tidenbereich. Breit ist die Orkla hier und öde wie ein Freibad – aber mit jeder Flut kommen neue Lachse in den Fluß.Drei Durchgänge machen wir mit Elan, zwei ohne Elan, zwei nur noch so, einen weiteren hält uns der Durchhaltewille am Laufen, dann nicht mal mehr der. Mit bleiernen Beinen schleppt man sich doch immer wieder ans Wasser für einen letzten, allerletzten, allerallerletzten Versuch.
Nach neun Stunden rolle ich mich im Auto zusammen, um kurz zu schlafen oder zumindest: nicht zu werfen. Nach einer Stunde weckt mich Christian, um den Schlafsack zu übernehmen. Ich quäle mich raus. Warum bin ich hier? Wieso kaufe ich nicht wie die anderen meinen Lachs bei Aldi? Wer hat mir den Hamsterpelz auf die Zunge getackert?
Ich stolpere ins Wasser und nehme den Pool zum gefühlt 9457. Mal durch. Wenn jetzt ein Lachs bisse, würde bestimmt er mich hineinziehen. Ob welche im Pool sind? Nicht mal das wissen wir sicher.
Neuer Pool, neues Glück: Die zweite Tageshälfte sind wir an „Klovsteinhølen“, und natürlich lassen wir das „v“ im Namen weg. Eine spannende Strecke: der schnellfließende Teil oberhalb einer Staustrecke. Christian läßt mich vor. Nichts. Dann er. Nichts. Ich. Er. Plötzlich steht er mit krummer Rute da. Sieben Minuten später liegt ein silberblanker Lachs von 5,5 Kilo am Ufer. Juhu, der Bann ist gebrochen!

5. Tag
Heute befischen wir dieselben Pools wie gestern. Der Unterschied: diesmal fängt auch Christian nichts. Ich überschlage, wie viele Würfe ich heute gemacht habe: über 500. Ich hätte auch nicht weniger gefangen, hätte ich 500mal unsere Baked-Beans-Dosen vom Schrank auf den Tisch und zurück gestapelt.
Dabei haben vergangenes Jahr Angler an der Orkla 4000 Lachse gefangen. Macht 44 Lachse pro Tag, bei einem Durchschnittsgewicht von 5,2 Kilo.
Abends kommt ein Wurmfischer zu uns und fragt nach einer Waage. Wir müssen zuschauen, wie er ein Untier an unsere Waage hängt und die 14,7 Kilogramm anzeigt. Das Tier zappelt noch; damit es nicht abhaut, stellt sich der Kollege mit einem Bein auf seinen Kopf.

6. Tag
Noch fünf Tage! Jetzt fischen wir auch wieder Maerk, wo es schöner ist und wir uns auskennen. An allen Pools kann ich mich an die Bisse erinnern, die ich im Lauf der Zeit hatte. Ebenso an die Stellen, wo ich ins Wasser gefallen bin.
Wieder und wieder treibt die Fliege unbeachtet herum. Dabei weiß ich noch genau, wie es sich anfühlt, wenn ein Lachs nimmt. Mit der Fliege ist der Fischer nur durch die Schnur verbunden, die am Ende keinen halben Millimeter stark ist, und doch spürt er genau, ob sich dort etwas tut. Gerade große Lachse nehmen oft so sacht, als wäre nur ein Blatt in die Schnur getrieben. Zu anderen Zeiten attackieren die Fische so vehement die Fliege, dass sie mit ihr im Maul aus dem Wasser schießen.
Eine Wonne ist der Biß, ein Schock und die Erlösung; alle Anspannung weicht einer vollkommenen Spannung, wenn ein Lachs übernimmt und so nach Tagen, Wochen, Jahren Sinn in das Gewate und Gewarte, Gewerfe und Zusammengereiße bringt. Ich bin süchtig danach, seit ich vor zwölf Jahren meinen ersten Lachsbiß hatte.
Andersherum fühlt sich alles saublöd an, weil kein Lachs nimmt. Sollen sich doch gehackt legen, die Viecher. Ich bin hungrig und durstig und sooo müde.

7. Tag
Schon fast eine Woche ohne Fisch für mich. Und Christian hat auch nur einen. Immerhin einen. 2009 stand es am Ende 4:0 für ihn.
Heute fischen wir Tosetberga, einen Abschnitt 25 Kilometer oberhalb von Maerk, den mit dem Auto nur erreicht, wer für einen Lachs seine Ölwanne opfert. Hier bildet die noch schmale Orkla eine Menge kleinerer Pools; aber selbst durch die schmalsten Stellen müssen sich Lachse von bis zu 25 Kilo zwängen .
Ich schaffe es haarscharf, durch eine tiefe Rinne zu waten, ohne Wasser zu schöpfen. Während des Fischen von der so erreichten Sandbank merke ich: das Wasser steigt. Rückzug! Zu spät – in der Rinne strömt das Wasser von oben in meine Wathose, binnen Sekunden bin ich schwer wie eine Rinderhälfte und kalt wie ein Fischstäbchen.

8. Tag
Heute sind wir an einem meiner Lieblingspools: Stoin, 80 Kilometer stromauf von Bakka, das Ende des Aufstiegs für alle Orkla-Lachse, weil hier ein Wasserfall sie ausbremst.
Auf seilgesichertem Pfad steigt man ins Tal hinab, wo die Orkla alle paar Meter neue Gumpen, Rauschen, Kehren, Schnellen bildet, wo es so einsam ist, dass man eher Feen erwartet als andere Menschen. Von einem Felsen kann man in den darunter fließenden Fluß blicken und sie in der Strömung stehen sehen, die Lachse, ganz selbstverständlich.
Beim Hochkraxeln 14 Stunden später will Christian wissen, warum das Fischen mit Gift eigentlich so verpönt ist. Gute Frage.

9. Tag
Längst zwingt mich das Lachsloser-Paradoxon in die Knie und an den Fluß: Je länger man nichts fängt, desto weniger Lust hat man weiterzumachen – desto doller muß man aber fischen, um doch noch was zu erwischen.
SMS von Christian: Er hat gerade einen Lachs in Bruhølen verloren. Wir treffen uns dort, er erzählt. Ein entschiedener Biß in der Strömung, ein wüster Kampf von über einer Viertelstunde. Bei der Landung aber, der Fisch war schon halb aus dem Wasser, ist der Haken ausgeschlitzt – mit einer Drehung konnte der Lachs sich zurück in den Fluß wuchten.
Wie groß? Groß, sagt Christian. Mein Freund weiß nicht, ob er sich freuen soll. Weil er den Fisch VERLOREN hat, und weil ER ihn verloren hat. Dann strahlt er doch, und wir freuen uns über sein unvergeßliches Erlebnis. Schließlich stört mich nicht, dass er fängt, sondern das ich nichts fange.

10. Tag
Was fällt den Lachsen ein? Das ganze Frühjahr habe ich zur Erheiterung der Nachbarn mit dem Besenstil Zweihandruten-Wurfübungen auf der Terrasse gemacht, den halben Winter die schönsten Fliegen gebunden. Ich hätte mit demselben Effekt zehn Tage lang eine Zahnbürste durch die Orkla ziehen können.
Lars, Jens, Ravinen, Bruhølen…
Ich kann nicht über diese Brücke gehen, ohne ins Wasser zu schauen. Direkt unterhalb ist ein Standplatz; kommt ein Lachs neu in den Pool, wird er in neun von zehn Fällen dort Halt machen. Unser norwegischer Gastgeber hat erzählt, dass er als Kind hier beim Warten auf den Schulbus ab und zu kleine Münzen in den Fluß warf, und tatsächlich gelegentlich ein Lachs sich das blinkende Ding holte.
Lars, Jens, Ravinen…
Diese Wurschtigkeit, wenn man die Fliege nicht wechselt, weil man nicht mehr glaubt, dass sie einen Unterschied macht.
Lars, Jens…
Trotzdem weiß ich selbst jetzt, warum ich nicht nach Alaska zum Lachsfischen fahre. Jeder Wurf ein Biß? So stelle ich mir die Fliegenfischerhölle vor.
Lars…
Letzter Wurf. Nichts. Nein, ich habe nicht mal mehr die Kraft für einen allerletzten Wurf. Schluß. Jetzt noch 2000 Kilometer fahren. Ich falle ins Auto, vollkommen erschöpft und sehr glücklich.

 

 

 

Norwegen-Tipps: Fliegenfischen auf Lachs (Kasten)

In über 600 norwegischen Flüssen steigen Lachse auf. Allein im vergangenen Jahr haben Sportfischer in diesem Land 89.000 Lachse gefangen, von denen 13.000 Stück 7 Kilo oder mehr gewogen haben. Klingt, als wäre es für Angler ein Kinderspiel, in Norwegen einen Lachs zu fangen. Doch der Eindruck täuscht. Denn den Großteil der erbeuteten Lachse holen sich Einheimische, die mit der Angelrute in der Hand aufwachsen und ihren Stammfluß wie ihre Angelwestentasche kennen. Und auch diese Profis müssen oft wochenlang fischen, bis ein Fisch sich für ihren Köder interessiert. Das grundsätzliche Problem: Lachse stellen schon Wochen vor dem Aufstieg aus dem Meer in den Fluß die Nahrungsaufnahme ein. Sonst würde sich die Art selbst kannibalisieren – schließlich lebt im Fluß der Nachwuchs. Also sind die Angler darauf angewiesen, dass die Lachse aus Gewohnheit, aus Neugier oder aus Wut den Wurm, den Blinker oder die Fliege nehmen. Das sind die üblichen Angelarten. Als die sicherste Methode, keinen Lachs zu fangen, gilt das Fliegenfischen – den meisten Leuten durch den Film „Aus der Mitte entspringt ein Fluß“ ein Begriff. Dabei bringt der Fischer die fast gewichtslose Fliege, ein filigranes Kunstwerk aus Federn und Haaren, mit Hilfe einer schweren Schnur und einer – mehr oder weniger – eleganten Wurftechnik hinaus. Ob allerdings wirklich ein Lachs...