Sie nennen mich Willi – ein Schweißhundwelpe erzählt

(Eine Kolumne für www.jawina.de)

 

Folge 1: „Weg von Mama, verdammt!“


Wau, hier geht’s ja ab! Gestern abend kamen neue Menschen vorbei und haben mich besucht. Meine Geschwister schon auch, aber vor allem mich, das habe ich genau gemerkt. Die haben mich voll genau angeschaut und überall begrabbelt und ständig hochgehoben, und dazu haben sie gequietscht, als würde ihnen jemand auf die Pfoten treten. Mama fand die nett, aber Mama findet immer alle nett. Tante Jolana ist da schon kritischer, die bellt immer erst mal wie wild. Aber wenn man genau hinhört, merkt man, dass sie auch nur auf den Schoß will. Wobei es mit dem Hinhören bei den Menschen so eine Sache ist, die merken ja nicht viel. Wenn ich mit meinen sechs Schwestern und Brüdern in der Vorzeigekiste bin (Mama nennt sie immer „Catwalk“, keine Ahnung warum), wissen die Menschen nach ein paar Wuseleinheiten nicht mehr, wer wer ist, obwohl wir uns ja nun echt total unterschiedlich anhören und -riechen. Und von tiefer Nase haben diese Zweibeiner auch noch nichts gehört, das sagt ja schon alles.


Heute morgen sind die beiden Quietschemenschen zurückgekommen. Ich habe sie gleich wiedererkannt – aber die mich? Nasennulpen! Die haben irgendwas in die Runde geflötet und suchend einen nach dem anderen von uns hochgehoben, woraufhin unser Hauptmensch gekommen und mich verhaftet hat. Dann hat er mich abgeschnuddelt, als käme ich ins Heim, dann hat mich die Hauptmenschin abgeschnuddelt, dann haben mich stundenlang die beiden neuen abgeschnuddelt, boah, hoffentlich habe ich mir nichts geholt! Schließlich haben sie mich zu so einem schwarzen Stinkding gebracht, wie es auch unsere Hauptmenschen haben, kenne ich natürlich schon, und dann ging’s los.


Aber nicht einfach zum Metzger, sondern: Weg von Mama, verdammt!


Ich bin an der Rückbank hochgesprungen und habe zurückgeschaut. Da hinten war unser schöner Zwinger mit dem Kasten, in dem wir die Menschen halten, und beides wurde kleiner und kleiner, und das war schrecklich, da habe ich gescheit gewinselt, weil: da hinten verschwand mein ganzes bisheriges Leben, alles, was ich in meinen bisherigen acht Wochen kennengelernt habe.


Ich dachte, ich sterbe. Aber müde war ich auch, schon von all dem Abgeschnuddel, soviel wurde ich in meinem ganzen Leben noch nicht gestreichelt, das ist schon schön, finde ich, vor allem am Bauch, aber müde macht's auch, noch dazu wenn man auf so einer oberweichen Matratze liegt wie jetzt ich hier, ich wußte gar nicht, dass es sowas gibt. Hin und her schuckeln tut’s auch, das Stinkding, das schläfert tierisch ein, und diese olle Decke da, die schnüffelt super nach Mama und den andern Pupsis. Ich habe mich dann erst mal ’n bißchen ausgestreckt. Nicht schlafen, nur so’n bißchen ausstrecken wohlgemerkt. Ich muß ja schließlich aufpassen, ob … zzzzzzzz…

 

 


 

 

Folge 2: „Boah, habe ich Hunger!“


Ich bin dann wohl doch eingeschlafen, glaube ich. Nicht richtig natürlich, eher so dösmäßig, schließlich halte ich den Haufen hier ja zusammen, ne. Als ich wieder aufgewacht bin, war jedenfalls Mama immer noch weg. Und die anderen Pupsis auch, wobei die mir in letzter Zeit schon ganz schön auf die Rute gegangen sind. Nie haben die mich in Frieden fressen lassen, nie durfte ich in Ruhe unsere Decke zernagen, immer kam mindestens einer dieser Rüpel und hat gestört. Ein Benehmen wie bei Terriers unterm Sofa! Ich habe denen empfohlen, mal die Vaterschaft klären zu lassen, aber das gab gleich eine Rüge von Mama, dabei stimmt’s.


Naja, immerhin sind diese neuen Menschen noch da. Allerdings sitzt jetzt der Kerl vorn und die Frau neben mir, vorhin war’s genau andersrum. Mir soll’s recht sein. Weicher ist sie, und riechen tut sie auch eindeutig besser, so ein bissi wie Mama, dazu nach Essen, ist aber schon länger her, warte mal, ja genau, Wurst nennen die das Zeug, wenn ich nicht irre, hmmm.

Boah, habe ich Hunger! Einen Mörderhunger! Ich verhungere! Auf der Stelle! Allerdings bin ich fast noch müder als hungrig, saumüde, ich lege den Kopf besser gleich hin. Aber was soll das jetzt? Wir halten an, und diese Leute heben mich einfach raus und setzen mich ins Gras. Ui, wie das riecht! Muß ich erst mal sortieren! Also, dominant ist so’n leichter zitroniger Ton von abgeschnittenem Gras mit einem Hauch von frischer Vanille im Abgang, unterfüttert von Erdnoten, die – he! Heee! Wo lauft ihr denn hin! Waaartet! Nicht dass ihr auch noch weg seit, ich habe doch nur noch euch!

Mein lieber Schwan, jetzt mußte ich mich aber sputen, die waren schon fast weg. Dabei kann ich doch noch gar nicht richtig laufen. Bums, jetzt bin ich auch noch über so’n blöden Ast gestolpert. Welcher Blödmann legt denn da Äste auf den Weg? Oh Mann, die halten nicht mal an, wenn’s mich hindrischt, wie sind die denn drauf? Hilfe, ich bin ein Welpe, holt mich hier raus! Und ein Schweiß-, kein Windhund! Jetzt ist dieser grüne Dschungelscheiß da auch noch so hoch, dass ich die Menschen nur noch sehe, wenn ich direkt hinter ihnen laufe – und wenn ich das mache, bekomme ich andauernd diese komischen harten Menschenpfoten volle Elle auf die Schnauze. Mann, bin ich bedient.

Puh, endlich zurück. Die haben mich so weit, dass ich mich freue, wenn ich das Stinkding wieder sehe, echt jetzt. Schnell rein, bevor die ohne mich fahren.

Mist, ich komme nicht hoch. Ah, wenigstens dabei helfen sie mir. Aber nur um das Stinkding zu schonen, scheint mir. Das merke ich mir.

Jetzt tuscheln die beiden irgendwas, dabei müssen sie vor mir keine Geheimnisse haben. Ah, und plötzlich riecht’s nach diesen braunen Kötteln, die es zu Hause immer zu essen gab! Jaaaa! Laßt mich vor! Ich! Ich! Ich! Sofort! Her damit!

Was, nur so wenig? Spinnt ihr?! Ich sterbe! Gebt! Mir! Sofort! Mehr! Mehr! Mehr!

Vielleicht klappt’s, wenn ich in diese Babyschale mit Wasser trampel und tue, als wäre ich total kraftlos…

… nee, nützt auch nichts …

Menno, da kommt wohl echt nix mehr.

Bitte, schlafe ich eben. Falls man das Schlaf nennen kann bei der Unterernährung, eigentlich ist’s eher so ne Art Koma, fürchte ich. Ob ich jemals wieder aufwache?

Was schauen die denn so komisch? Als hätten sie Angst, ich würde mich übergeben? Pah! Wenn ich schon mal was zu beißen bekomme, dann behalte ich es auch bei mir, da könnt ihr sicher sein, Freunde.

 


 

 

 

Folge 3: „Zurücktrampen kann ich immer noch…“


Gääääähn! Woah, habe ich gut geschlafen auf diesem Wunderbett. Und zwar, ohne dass ich ständig eine Pfote im Auge hatte oder einer mir genau ins Ohr schnarcht.

Oder haben die mir was gegeben? Man hört ja viel von diesen K.o.-Tropfen, und ich kenne diese Menschen hier kaum. Die hören sich nicht an, als wären sie von hier, da geht’s ja schon los. Außerdem flüstern sie immerzu, wenn ich schlafe – was die wohl zu verbergen haben?

Hm, hm, hm. Riechen tue ich allerdings keine Gefahr.

Also sind sie entweder harmlos. Oder gute Schauspieler…

Naja, ich bleibe erst mal bei ihnen und schaue, was sie mir zu bieten haben. Zurücktrampen kann ich immer noch.


Ich weiß sogar, wie ich heiße, weil Mama es mir gesteckt hat: Brix z Vinanskeho jazera. Kann ich selber kaum aussprechen. Aber immer noch besser als die beiden, die haben es nämlich vorhin versucht, und danach hatte ich fast einen Knoten im Ohr. Lang genug wär’s ja.

Unter diesen Umständen finde ich es gut, dass die mich offenbar eh umtaufen wollen. Rufen tun sie mich jedenfalls ganz anders: Fellwurst, Rübenschwein, Säftl, Wursthaut, Bayerischer Gebirgsnichtskönner, Alter, Don Slowak, Kleiner, El Tölo, Schnorz, Hündla, der feine Herr Hund, Hampelchen, Kackspecht, Pißnelke, Flachlandschlafhund, Zwerg Nase, Schrecken des Vorgartens, Dicker, Schnudelpudel. Um nur einige zu nennen.

Ich frage mich schon, in was für Gesellschaft ich da geraten bin. Ausgesucht habe ich mir diese Leute jedenfalls nicht. Und gefragt, ob ich mit ihnen kommen will, hat mich auch keiner!

Natürlich erkenne ich ganz unabhängig vom Namen, wenn ich gemeint bin, schon daran, dass die beiden dann zwei Oktaven höher sprechen. Als wäre ich ein Baby!

Ein Wort taucht immer wieder auf, das soll offenbar mein neuer Name werden: Willi. Mit zwei i, damit man’s schön quietschen kann… Und gleich kommen wieder blöde Scherze: von Willi will’s wissen bis Free Willi.

Ist aber nicht so schlecht, finde ich, der Name. Vielleicht sogar besser als Brix.

So heißt nämlich ein Streckmittel für Cannabis, haben sie vorhin gesagt. Keine Ahnung, was das ist, aber ich will trotzdem nicht wie ein Streckmittel heißen.

Willi, Willi, Willi.

Doch, das ist okay.

Ich denke, ich komme, wenn sie mich so rufen. Jedenfalls manchmal, hihi.

 


 

 

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